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Bürgerhaus Alte Post : Immer wieder Nischen suchen

Lembeck. Sie duckt sich in das Ensemble neuzeitlicher Architektur, die den Dorfkern von Lembeck prägt: Die alte, kleine Poststation wirkt wie ein Fremdkörper in der Klinkerorgie, die seit den 1980ern das Dorfbild in Lembeck beherrscht.

Dabei ist dieses Gebäude der Ort, an dem alternative Begegnungen im Dorf stattfinden und jede Menge los ist. Der Verein, der sich für den Erhalt dieses Gebäudes und für eine soziale Nutzung stark gemacht hat, ist seit 1989 mit ungezählten Initiativen ein wichtige Anlaufstelle in Lembeck.

„Wir haben damals die Idee gehabt, dieses Gebäude nicht der Abbruchglocke zu opfern, sondern daraus etwas für Frauen und Familien zu machen, das weder konfessionelle Schranken noch behördliche Grenzen hat. Ein offener Treff. Der leider verstorbene Dr. Zahn war von unserer Idee begeistert und hat sich für uns stark gemacht. Letztlich konnten wir gegen jede Menge Widerstand unsere Pläne verwirklichen“, sagt Agnes Kruse, die gemeinsam mit Rita Gedecke damals einen steinigen Weg beschreiten musste, um sich mit ihrer Idee durchzusetzen. „Es herrschte Misstrauen. Wir wurden streckenweise regelrecht diffamiert. Das gipfelte darin, dass im Karneval unsere Idee einer Frauengruppe so interpretiert wurde, dass wir ein Frauenhaus installieren wollten und das wurde als Freudenhaus und unverhohlen als Eros-Center verrissen“, sagt Agnes Kruse, die erleben musste, dass sie geschnitten wurde, obwohl sie seit 1960 engagierte Lembeckerin ist. „Es wechselten Leute die Straßenseite, wenn sie mich sahen“, sagt Agnes Kruse.

Die mutige Frau blieb bei ihren Vorstellungen und zog, wie man heute sagen würde, ihr Ding durch. Mit einer Bauchtanz-Gruppe, der Renaissance von Küchenliedern und Spielgruppen suchte der Verein der Alten Post Nischen im Kultur- und Bildungsangebot im Dorf und steuerte diese konsequent an. „Wir haben einfach das Ziel gehabt, den Bürgern einen Raum zu geben, ohne dass viel Geld fließen muss“, sagt Agnes Kruse, die im ehemaligen Schalterraum eine Spielstube mit der Mithilfe der rund 180 Vereinsmitglieder geschaffen hat. „Es gibt so viele Familien, die etwas zu feiern haben und nicht das Geld haben, einen Saal zu mieten. Das können sie bei uns machen. Besenrein kriegen und besenrein übergeben: So ist fast alles möglich“, sagt Agnes Kruse.

Eben alternativ das Ganze und so vielleicht nicht ganz kompatibel mit einer dörflichen Vorstellung von Ordnung. Dabei ist man in der alten Post in der Tat autonom. „Wir haben das Gebäude damals aus dem Bebauungsplan losgeeist und zur Verfügung gestellt bekommen. Der Rest ist unser Bier. Erhalt und Unterhalt generiert sich aus den Beiträgen. Der gegenwärtige Beitragssatz liegt bei 15 Euro im Jahr“, sagt Agnes Kruse, die derzeit mit ihren Mitstreitern das Konzept der alten Post entstaubt.

„Es ist einmal wieder an der Zeit, eine Neuorientierung vorzunehmen. Das ist einfach notwendig und ich denke, dass wir Anfang bis Mitte März damit an die Öffentlichkeit gehen können. Wir wollen den Musikunterricht für die Kinder aus dem Keller in andere Räume verlegen und einiges mehr verändern. Halt eben wie immer Nischen suchen“, sagt Agnes Kruse.

Während die rüstige Seniorin Zukunftspläne schmiedet, trudeln die ersten Kinder ein. Claudia Iwinski empfängt die Kids freundlich und die alte Post füllt sich mit jungem Leben. Keyboardklänge füllen den Raum. Noch treffen die Eleven nicht immer den Ton, aber das Haus gibt ihnen Raum. Die alte Post in Lembeck hat auch etwas Symbolisches von der Tastatur eines Klaviers: Es ist Platz für weiße und schwarze Tasten. Toleranz und Blick übern Tellerrand: Das tut einem Dorf gut.

Quelle: WAZ

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