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Knigge lässt grüßen

Bei Laurentius-Hauptschülern standen Benimm-Regeln auf dem Stundenplan. Und die Jugendlichen stellten fest:Auf dem Tisch stehen nicht nur Teller, sondern auch viele Fettnäpfchen

Lembeck. „Willst Du eines Menschen Bildung messen, schau´ ihm einfach zu beim Essen.“

Fürwahr, fürwahr. Etikette-Trainerin Ulla Winkelmann zitiert mit fester Stimme und einem Lächeln auf den Lippen. Sie weiß, dass der Spruch nicht bei jedem der jungen Leute am Tisch ankommt. Sie weiß aber auch um das Körnchen Wahrheit, das in ihm steckt.

Tischsitten sind angesagt an diesem Mittwochvormittag. Benimm statt Matheformeln, gutes Auftreten statt Englischvokabeln. Die jugendlichen Laurentiusschüler sind mit Eifer bei der Sache. Lange Gesichter gibt´s jedenfalls nicht zu sehen. Standen die ersten Stunden eher im Zeichen von Trockenübungen, ist nun der Praxistest angesagt. Wie esse ich in Gesellschaft, wie benehme ich mich am Tisch?

Die Fehlerquelle ist hoch. Vorspeise, Hauptspeise, Nachspeise – welches Besteck ist wofür? Das Wasserglas mit langem Stiel – „Bitte nicht am Kelch anfassen, da sind sofort die Fingerabdrücke drauf“, mahnt Ulla Winkelmann. Die Serviette hat nichts im Ausschnitt zu suchen – sie ist korrekt auf dem Schoß platziert. Das Pizzabrötchen wird nicht aufgeschnitten und wie eine Stulle geschmiert. Stück für Stück abgebrochen, mit Butter bestrichen und in den Munde geschoben, ist die bessere Art. Knigge lässt grüßen.

Die Tipps von Ulla Winkelmann sind vielzählig. Aber sie lobt auch: „Ich bin vom Verhalten der Schüler hier in Lembeck sehr überrascht. Ich bin an vielen Schulen unterwegs und habe dabei schon sehr große Unterschiede festgestellt. Mitunter fehlt bei einigen die Tischkultur ganz und gar.“

Die 15-, 16-jährigen Lembecker geben sich große Mühe. Auch „wenn wir es nicht gewohnt sind, so zu essen“, wie beispielsweise Stefan freimütig zugibt. „Gut, bei uns daheim gibt´s auch Regeln. Aber es geht am Tisch nicht so ordentlich zu wie hier. Dass man nicht mit vollem Mund spricht, das ist mir schon klar. Dass man sich aber nach dem Essen, bevor man einen Schluck trinkt, den Mund abwischt, das ist mir neu.“

Dennoch, so geben die Zehntklässler zu, „macht das Seminar Spaß“. Vor dem Speisen gab´s von Coach Ulla Winkelmann noch sinnvolle Hinweise zu dem richtigen Styling beim Bewerbungsgespräch, zur Gesprächsführung. Manche Szenen wurden auf Video aufgenommen, analysiert, Verbesserungen diskutiert.

„Tischkultur“, betont die Seminarleiterin, „aber auch Benimm-Reglen sind wieder absolut angesagt. Ich bin häufig auch in großen Unternehmen zu Gast, wo speziell die Führungskräfte wieder auf diese Dinge hin geschult werden. Aber je früher man anfängt, wie hier bei den Jugendlichen, desto besser hat es später der Nachwuchs.“ Dass bei den jungen Menschen so manches Manko herrsche, „das haben aber gar nicht die Jugendlichen selbst zu verantworten. Es sind wir Erwachsenen, die es verbockt haben. Wir haben das, was wir selbst einmal gelernt haben, nicht weiter gegeben. In den 70er, 80er Jahren konnte jeder auch am Tisch tun und lassen, was er wollte. Das hat sich inzwischen wieder geändert.“

Manche ihrer Schüler, so hat Ulla Winkelmann festgestellt, könnten nicht einmal mit Messer und Gabel essen. Und dass man – bei aller Emanzipation – der Frau die Tür auf halte oder ihr auch aus dem Mantel helfe, das sei ebenfalls in vielen Köpfen nicht mehr verankert. Aber gehöre nach wie vor zum guten Ton. „Viele wissen das. Das Potenzial zu guten Umgangsformen ist vorhanden. Aber die meisten setzen es nicht um“, sieht es Winkelmann als ihre Aufgabe, in diesen Bereichen Entwicklungshilfe zu leisten. „Man kann sagen, dass etwa 60 Prozent dessen, was ich versuche, zu vermitteln, hängen bleibt“, ist sie sich sicher.

Denn überholt habe sich hinsichtlich der Tischkultur kaum etwas. „Das, was bei den Großeltern galt, ist auch heute noch aktuell.“ Bis auf wenige Ausnahmen. So dürfen heute die Kartoffeln mit dem Messer geschnitten werden – früher ein absolutes Unding. „Aber sie zu matschen, ist nach wie vor tabu“, schränkt Ulla Winkelmann gleich ein.

Die Nagelprobe gab´s gestern dann übrigens bei der Hauptspeise: Spaghetti. Und zwar ohne Löffel, nur mit der Gabel.

Stefan nahm´s mit Humor. Ebenso wie wohl seine Mutter: „Als sie von dem Seminar hörte, fand´ sie´s cool.“ Und Dustins Mutter hoffte gar: „Vielleicht lernst Du ja auch noch ´was.“ Worauf der Sohnemann verriet: „Eigentlich kann ich´s ja. Wenn ich will.“

Pizzeria-Besitzer „Bruno“ stiftet die Essenseinnahmen übrigens der Aktion „Kein Kind ohne Mahlzeit“ 

Quelle: WAZ

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