Werbepartner

Ohne Sinn und Verstand

Rhade – Der 23-Jährige ist ein gefährlicher Mann. Einer, den man als „tickende Zeitbombe“ bezeichnen kann. Nach einer beispiellosen Serie von Gewalttaten und rohen Akten in Rhade, Lembeck und Wulfen stand der als „Rhader Grabschänder“ im Ort Berüchtigte gestern vor dem Schöffengericht.

Für Richterin Regine Heinz war nach eingehender Vernehmung des jungen Angeklagten und nach Durchsicht eines Gutachtens anlässlich des Betreuungsverfahrens für den Mann klar: Die Verhandlung muss vertagt werden.

Schuldfähig“

Sie ordnete an, dass ein weiterer Sachverständiger den 23-Jährigen auf seine Schuldfähigkeit untersucht. Stellt sich dabei heraus, dass der Angeklagte aufgrund seines psychischen Zustandes schuldunfähig ist, steht ihm die Einweisung in die geschlossene psychiatrische Unterbringung bevor.

Denn: „Auch wenn man krank ist, geht es keinesfalls an, dass jemand Gräber schändet, Menschen bedroht und mit dem Auto Amok fährt.“

Drei Anklagen hatte Oberstaatsanwalt Engel verlesen. Anklagen, die erschreckende Einblicke in die auch für Laien ersichtliche schwer gestörte Seelenlage des 23-Jährigen eröffneten.

Messer am Hals

Am 22. Juni 2004 taucht der 23-Jährige an der Talaue in Wulfen auf. Dort will er seine Exfreundin zur Rede stellen. Tatsächlich umfasst er sie nach kurzem Streit auf der Straße, hält ihr ein langes Küchenmesser an den Hals und droht, sie und ihren Begleiter „allezumachen“. Es geht hin und her. Irgendwie gelingt es den beiden Opfern, sich zu befreien. Die Polizei trifft ein, als der Angreifer das Messer im Handschuhfach verstauen will und nimmt den 23-Jährigen vorläufig fest. Knapp zwei Wochen später: Am 9.7. schwingt sich der Angeklagte nach einem Streit mit seiner Freundin in ein Auto. Den Halter informiert er nicht. Ohne einen Führerschein zu besitzen, brettert er los: „Ich bin aus lauter Frust eingestiegen. Ich war total fertig, hatte alles verloren.“

In einer Kurve auf der Rüterstraße verliert der Ungeübte die Kontrolle über den Wagen und kollidiert frontal mit einem anderen. Ohne sich um den Schaden zu kümmern, flüchtet er von der Unfallstelle. Vor Gericht sagt er, „ich habe gezittert, stand unter Schock, bin aus dem Auto rausgekrabbelt und wollte nichts wie weg.“

Unerhörte Serie

Höhepunkt der unerhörten Straftatenserie: Die Gräberschändung auf dem kath. Rhader Friedhof. Im Vollrausch sieht der 23-Jährige am 16./17.12.2004 zusammen mit einem jüngeren Rhader Rot: Zunächst wird der Weihnachtsbaum vor der Urbanusschule zerpflückt, dann das Ehrenmal in Rhade verwüstet, bis die Täter auf dem Rhader Friedhof ihren Aggressionen ungehindert freien Lauf lassen. Dort reißen sie Blumenschmuck aus, werfen Grabsteine um, zerstören Grableuchten.

55 Ruhestätten werden verwüstet, die Gefühle der Angehörigen und Hinterbliebenen auf diese Weise gröblichst mit Füßen getreten. 12.000 Euro Schaden richten die Täter in dieser Nacht an.

Warum“ „Ich weiß nichts mehr“, erklärte der 23-Jährige vor Gericht. Nach einer Flasche Wodka, Dirty Harry und mehreren Flaschen Bier habe er wohl einen Filmriss gehabt.

Gebrandmarkt

In Rhade lebt der 23-Jährige heute nicht mehr. Nach der Grabschändung landeten in vielen Haushalten des Ortsteils Flugblätter mit seinem Porträt, die ihn als „Rhader Grabschänder“ brandmarkten. – Claudia Engel

22. Dezember 2005 | Quelle: Dorstener Zeitung

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen